Den meisten Menschen hilft derzeit Bewegung - viele Beratungsgespräche laufen als Spaziergang

Die Sonne bricht sich durch ein paar Zweige Bahn. Die Vögel zwitschern. Zwei Spaziergängerinnen setzen Schritt vor Schritt. Dass sie das im Abstand von mindestens zwei Metern tun, ist nicht das Ungewöhnliche an diesem ansonsten so vertraut wirkenden Bild. Das Besondere ist, dass es eigentlich kein Spaziergang ist. Es ist ein Beratungsgespräch, das hier seinen Lauf nimmt.

In ungewöhnlichen Zeiten wie den aktuellen sind auch für die Mitarbeiter der Kontaktstelle für psychisch Kranke und des Ambulant betreuten Wohnens der Caritas Ennepe-Ruhr neue Wege gefragt. Auch im wörtlichen Sinn in Form von Spazierwegen. So wie bei Joanna Grunenberg: Die Sozialpädagogin ist eine der beiden Frauen, die an diesem Tag in die Sonne eintauchen. Es ist eine freundliche Atmosphäre für ihre Klientin, die unter Angstzuständen leidet. "Sie hat sonst schon Sorge, krank werden zu können, und hat in der ersten Corona-Phase drei Wochen lang gar nicht das Haus verlassen. Sie befürchtete, das Virus sei überall in der Luft", erklärt Joanna Grunenberg die besondere Situation ihrer Klientin. Stattdessen hätten sie viele Telefongespräche geführt. Und die Betreuerin ging, wie auch für andere Klienten, alleine einkaufen. Dort ist sie normalerweise als Begleiterin ist, um Selbstständigkeit zu fördern. "Als meine Klientin merkte, sie vereinsamt und ihr fehlt die Bewegung, hat sich ihre Einstellung geändert", berichtet die Caritas-Mitarbeiterin. Nun gehen die beiden zusammen nach draußen, dorthin, "wo wenig Menschen unterwegs sind".

In Bewegung zu bleiben oder zu kommen, tue überhaupt den meisten Menschen gut - nicht nur psychisch Kranken, sagt Grunenberg. Aus ihrer Sicht zählt die regelmäßige körperliche Aktivität zu den zehn wichtigsten Tipps in Corona-Zeiten (siehe unten). "Ein paar Kilometer zu laufen, rauszukommen, damit etwas für sich zu tun, ist für alle super. Für die meisten Klienten ist Beratung in Bewegung sogar besser. Sie bekommen dabei einen klareren Kopf", sagt die 42-Jährige, die seit 17 Jahren für die Caritas Ennepe-Ruhr arbeitet und sich als Beraterin, Assistentin und Begleiterin versteht. Gerade bei Depressionen trage auch Sport zu einer Verbesserung bei.

Mit vier ihrer fünf Klienten im Ambulant betreuten Wohnen sei sie wöchentlich bis zu zwei Stunden im Grünen unterwegs, berichtet Grunenberg. Aber selbstverständlich gebe es auch Krankheitsbilder, bei denen das anders sei. "Zum Beispiel bei bestimmten Ängsten oder wahnhaftem Verhalten. Wenn jemand Panikattacken bekommt, sobald wir nur eine Straße überqueren, oder meint, Menschen zu sehen, die ihn verfolgen, geht es natürlich nicht. Man muss in solchen Situationen immer abwägen und Kompromisse finden", sagt Joanna Grunenberg.

Selbstverständlich wird Abstand gehalten und es werden Masken getragen

Davon abgesehen, sind unter den Klienten im Ambulant betreuten Wohnen der Caritas viele Ältere, die nicht mobil sind, beziehungsweise Menschen, die zur Risikogruppe gehören. Neben häufigem Telefonkontakt, Austausch über einen Messenger-Dienst und Live-Chats seien auch Gespräche auf einer Terrasse oder im Garten möglich. Und dabei wird selbstverständlich auf einen angemessenen Abstand geachtet und eine Mund-und-Nasen-Maske getragen, zum gleichzeitigen Schutz für die Klienten und Mitarbeiter.

Elf Männer und Frauen sind bei der Caritas im Bereich Betreutes Wohnen (BeWo) und der Kontakt- und Beratungsstelle beschäftigt. In Letzterer werden unter anderem die Gespräche mit Menschen geführt, die sich um die eigene psychische Gesundheit oder um die ihrer Familienangehörigen und anderer Bezugspersonen sorgen. Um Menschen mit psychischen Störungen werden von den Fachkräften die notwendigen Beratungs- und Betreuungsangebote aufgebaut.

"Und wer jetzt in Zeiten von Corona zum Beispiel sagt, bisher ging es mir gut, aber jetzt ist es anders, kann einfach anrufen oder eine Nachricht schreiben", ermuntert Joanna Grunenberg. Die Kontakt- und Beratungsstelle der Caritas für den Ennepe-Ruhr-Kreis ist montags bis donnerstags von 8 bis 16 Uhr und freitags von 8 bis 13 Uhr direkt erreichbar unter Tel. 02324/56990-30 oder kub@caritas-en.de

Joanna Grunenbergs zehn Tipps für die Corona-Zeit lesen Sie hier oder klicken Sie aufs Video:

  1. Infos von seriösen Anbietern und dosiert aufnehmen.
  2. Zuversicht stärken durch positive Nachrichten.
  3. Bewegung jeglicher Art stärkt Körper und Geist.
  4. Struktur in Alltag beibehalten oder neu schaffen.
  5. Soziale Kontakte pflegen vor allem mit Menschen die guttun.
  6. Den Humor nicht verlieren - Lachen stärkt das Immunsystem.
  7. Für emotionalen und geistigen Ausgleich sorgen.
  8. Auf Dinge fokussieren, die man selbst kontrollieren kann.
  9. In Familien Freiräume und Auszeiten gewähren.
  10. Kontakt zu Therapeuten, Psychiatern und Betreuern halten.

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10 Tipps in Zeiten von Corona