Endstation Hartz IV? Der Ausstieg gelingt im EN-Kreis zu selten

Integrationen in Arbeit müssen nachhaltig sein, um auch die soziale Situation der Betroffenen zu stabilisieren.

In Ennepe-Ruhr-Kreis gab es im Dezember 2018 18.376 Menschen, die als sogenannte erwerbsfähige Leistungsberechtigte auf Hartz-IV-Leistungen angewiesen waren. Aber nur 211-mal gelang es, eine dieser Personen in eine sozialversicherungspflichtige Beschäftigung zu integrieren. "Das zeigt, wie schwer es Hartz-IV-Empfänger nach wie vor haben, überhaupt wieder einen Fuß in den Arbeitsmarkt hineinzubekommen", sagt Dominik Spanke, Vorsitzender der Freien Wohlfahrtspflege im Ennepe-Ruhr-Kreis. "Und das heißt dann noch lange nicht, dass sie auf dem Arbeitsmarkt auch wirklich Fuß fassen."

Denn viele befinden sich spätestens nach einem Jahr wieder auf Jobsuche. Laut Arbeitslosenreport war im Ennepe-Ruhr-Kreis von den 232 Personen, die das Jobcenter im Dezember 2017 in sozialversicherungspflichtige Arbeit vermittelt hatte, im Dezember 2018 nur noch 156 beschäftigt (67,2 %). Besonders viele, nämlich 48 sozialversicherungspflichtige Arbeitsverhältnisse, endeten bereits innerhalb der ersten drei Monate nach der Integration. "Es genügt nicht, Menschen kurzfristig in Arbeit zu bringen", betont Dominik Spanke. "Sie müssen dauerhaft in Arbeit bleiben, denn nur so wird sich auch ihre soziale Situation langfristig stabilisieren."

Die hohe Geschwindigkeit und Komplexität in der heutigen Arbeitswelt macht Jan-Dirk Hedt, Geschäftsführer der Qualifizierungs- und Beschäftigungsgesellschaft der Diakonie Mark Ruhr/Hagen in Witten, für die hohe Abbruchrate von Langzeitarbeitslosen verantwortlich. "Auf der einen Seite gibt es einen Fachkräfte- und Mitarbeitermangel, auch für einfache Hilfsjobs, aber Hartz-IV-Empfänger sind den Aufgaben oftmals nicht gewachsen. Neben einer geringeren Frustrationstoleranz, der ungewohnten körperlichen und psychischen Belastung sind auch bürokratische Hürden Gründe für das Scheitern einer Beschäftigungsaufnahme", schildert Jan-Dirk Hedt.

Hinzu kommt, dass viele dieser Integrationen nicht einmal zu einem Ende des Hartz-IV-Bezugs führen. Im Ennepe-Ruhr-Kreis gelang dies nur in 45,2% der Fälle. "Langzeitarbeitslose haben es nach wie vor schwer, der Armutsfalle zu entrinnen", sagt Caritasdirektor Spanke. "Das liegt zum Teil daran, dass Menschen nur Teilzeit arbeiten können, mitunter aber auch daran, dass ein zu geringer Lohn selbst bei Vollzeitarbeit nicht zum Lebensunterhalt reicht."

Um die Chance auf nachhaltige Beschäftigung zu erhöhen, sollten Arbeitsplätze und Arbeitslose gut zueinander passen. Viel zu oft werden Arbeitslose in Jobs gedrängt, die nicht ihren persönlichen Fähigkeiten und Interessen entsprechen. "Die Jobcenter sollten die Menschen dabei unterstützen, ihre gesamte berufliche und persönliche Situation realistisch einzuschätzen und individuelle Lösungswege zu finden. Bei den Trägern der Freien Wohlfahrtspflege im Ennepe-Ruhr-Kreis finden sie engagierte Partner aber ein unterstützendes Coaching sollte standardmäßig auch zu den Angeboten des Jobcenters für Langzeitarbeitslose gehören", resümiert Dominik Spanke.

Das im Januar gestartete Teilhabechancengesetz, von dem in NRW rund 15.000 besonders benachteiligte Langzeitarbeitslose profitieren sollen, beinhaltet bereits ein begleitendes Coaching. Die Beschäftigung wird in den ersten beiden Jahren zu 100 Prozent vom Staat gefördert, in den Jahren danach zu 90 bis 70 Prozent. Die Wohlfahrtsverbände im Kreis begrüßen die neuen gesetzlichen Möglichkeiten. Sie wünschen sich aber in begründeten Fällen eine Entfristung der öffentlich geförderten Beschäftigung. Sie ist derzeit auf maximal fünf Jahre begrenzt. "Es gibt Menschen, die werden wir nie ohne ergänzenden Lohnkostenzuschuss in sozialversicherungspflichtige Jobs integrieren können. Doch auch sie haben ein Recht auf Arbeit, denn das gibt ihnen Perspektive und Würde", so Dominik Spanke abschließend.