Freie Wohlfahrtspflege NRW kritisiert Schieflage auf dem Ausbildungsmarkt

Gleichzeitig wurden ausbildungsvorbereitende und -begleitende Maßnahmen gestrichen.

Während in Deutschland immer mehr Arbeitgeber über einen Azubi-Mangel klagen, gibt es in Nordrhein-Westfalen mehr Bewerber als Ausbildungsplätze. So kamen etwa im Ennepe-Ruhr-Kreis von Oktober 2017 bis September 2018 auf knapp 2637 gemeldete Bewerber 1809 gemeldete Ausbildungsstellen. Für eine optimale Versorgung würden sogar zusätzliche 1158 Stellen benötigt.[1] "Diese Ausbildungslücke ist besorgniserregend, zumal es bundesweit seit den 1990er Jahren erstmals einen ganz anderen Trend gibt", erklärt Caritasdirektor Dominik Spanke, Vorsitzender der Freien Wohlfahrtspflege im Ennepe-Ruhr-Kreis.

Trotz aller Bemühungen blieben laut Arbeitslosenreport NRW mehr als 93 Bewerber zum Stichtag 30. September 2018 gänzlich unversorgt. Mit dem Argument fehlender Ausbildungsreife gäben viele Betriebe Hauptschülern keine Chance mehr, kritisiert der Vorsitzende der Freien Wohlfahrtspflege im Kreis. "Es birgt sozialen Sprengstoff, wenn Unternehmen sich über Fachkräftemangel beschweren, sich aber von Hauptschülern abwenden. Die Betriebe haben eine gesellschaftliche Verantwortung, einen solidarischen Beitrag zur Sicherung der Zukunft junger Menschen zu leisten", mahnt Caritasdirektor Dominik Spanke.

Laut Arbeitslosenreport gab es im September 2018 im Ennepe-Ruhr-Kreis insgesamt 1603 Jugendliche unter 25 Jahren im sogenannten Langzeitleistungsbezug. Mehr als ein Drittel (582) dieser jungen Menschen sind auf der Suche nach einer sozialversicherungspflichtigen Beschäftigung und besitzen gleichzeitig keine abgeschlossene Berufsausbildung. Landesweit ist ihre Zahl ist in den letzten drei Jahren um rund zwei Prozentpunkte gestiegen.

Gleichzeitig wurden ausbildungsvorbereitende und -begleitende Maßnahmen abgebaut.  "Jugendliche müssen jede nötige Unterstützung erhalten, um sich beruflich qualifizieren zu können. Daher fordern wir eine Ausweitung ausbildungsvorbereitender und -begleitender Maßnahmen. Sie müssen anschlussfähig sein und wo nötig Förderketten bilden, die den jungen Menschen den Weg in das Berufsleben ebnen", so Dominik Spanke, Vorsitzender der Freien Wohlfahrtspflege im Ennepe-Ruhr-Kreis. Eine Ausweitung der Angebote wäre aus Sicht der Freien Wohlfahrtspflege im Ennepe-Ruhr-Kreis ein wichtiger Schritt, um das im ‚Ausbildungskosens NRW‘ formulierte Ziel der Stärkung von Aus- und Weiterbildung zu erreichen.

An die Betriebe appelliert Dominik Spanke, sich auch für Jugendliche mit Hauptschul- oder Förderschulabschluss zu öffnen. "Der Staat bietet Betrieben die nötige Unterstützung an, zum Beispiel mit der Assistierten Ausbildung. Es gibt keine Ausreden mehr für mangelnde Ausbildungsbereitschaft", betont der Vorsitzende der Freien Wohlfahrtspflege im Kreis.

Hintergrund:

Die Wohlfahrtsverbände in NRW veröffentlichen mehrmals jährlich den "Arbeitslosenreport NRW". Basis sind Daten der offiziellen Arbeitsmarktstatistik der Bundesagentur für Arbeit. Hinzu kommen Kennzahlen zu Unterbeschäftigung, Langzeitarbeitslosigkeit und zur Zahl der Personen in Bedarfsgemeinschaften, um längerfristige Entwicklungen sichtbar zu machen. Der Arbeitslosenreport NRW sowie übersichtliche Datenblätter mit regionalen Zahlen können im Internet unter www.arbeitslosenreport-nrw.de herunter­geladen werden. Der Arbeitslosenreport NRW ist ein Kooperationsprojekt der Freien Wohlfahrtspflege NRW mit dem Institut für Sozialpolitik und Arbeitsmarktforschung (ISAM) der Hochschule Koblenz.

In der Arbeitsgemeinschaft der Freien Wohlfahrtspflege NRW haben sich 16 Spitzen­verbände in sechs Verbandsgruppen zusammengeschlossen. Mit ihren Einrichtungen und Diensten bieten sie eine flächendeckende Infrastruktur der Unterstützung für alle, vor allem aber für benachteiligte und hilfebedürftige Menschen an. Ziel der Arbeit der Freien Wohlfahrtspflege NRW ist die Weiterentwicklung der sozialen Arbeit in Nordrhein-Westfalen und die Sicherung bestehender Angebote. Die Freie Wohlfahrtspflege NRW weist auf soziale Missstände hin, initiiert neue soziale Dienste und wirkt an der Sozialgesetzgebung mit.


[1] Vielfach ist für den Ausbildungsstellenmarkt von einer Angebots-Nachfrage-Relation von ANR = 112,5 (also von einem Angebotsüberhang von 12,5 %) die Rede. Dieser Richtwert resultiert aus einem politischen Kompromiss der sozialliberalen Koalition in den 1970er-Jahren. Sie ist der Mittelwert aus der damaligen SPD-Forderung nach 20 % und der FDP-Vorstellung von 5 % Überhang, der sich in § 2 Abs. 1 Satz 1 Ausbildungsplatzförderungsgesetz (APlFG) manifestierte.

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