Klientin erzählt Suchtgeschichte

 

Pillen

"Es ist ein täglicher Kampf" 

Lena (37) bekommt seit einem halben Jahr Hilfe vom Suchthilfezentrum der Caritas Ennepe-Ruhr. Nach ihrem dritten Entzug hat sie Kontakt zur Suchtberaterin Barbara Wolf aufgenommen, um nicht rückfällig zu werden. Zuvor bestimmte jahrelang eine Tablettensucht ihr Leben.

Lenas Sucht nahm ihren Anfang, als sie vor 15 Jahren als Fußgängerin in einen schweren Verkehrsunfall geriet. "Ich hatte eine Wirbelsäulenfraktur und bekam im Krankenhaus starke Schmerzmittel", erzählt sie bei einem Treffen in der Caritas-Beratungsstelle in Ennepetal. Das Gefühl, ohne Schmerzen, ja ohne Sorgen zu sein, gefiel der damals 22-Jährigen. Sie wurde mit einer relativ hohen Dosis entlassen. Irgendwann zurück im Alltag und in ihrem Pflege-Job saß sie sozusagen an der Quelle. "Ich begann, immer mal Schmerzmittel von der Arbeit mitzunehmen."

Lena holte ihr Abitur nach, arbeitete nebenher als Krankenschwester. Um den Druck standzuhalten, nahm sie sich immer wieder von der Arbeit Tabletten mit. "Meist Tramal oder Benzo", zählt sie auf. Gängige, hochwirksame Schmerz- und Beruhigungsmittel, die jedoch ein hohes Suchtpotenzial bergen.

Und der Druck nahm zu. Lena begann ein Psychologie-Studium. Ihr damaliger Partner, ein erfolgreicher Arzt, stützte sie in ihrem Streben. Doch dann wurde Lena nach neun Jahren Beziehung schwanger. Er konnte sich keine Beziehung mit Kind vorstellen, für Lena wiederum kam keine Abtreibung in Frage. So verließ die damals schwangere 28-Jährige ihren Partner. "Ich stand auf einmal alleine da", erzählt sie noch immer fassungslos und kämpft gegen die Tränen. Lena atmet durch: ihre Geschichte zu erzählen kostet sie Kraft. Und sie weiß, dass es von da an noch schlimmer wurde.

"Jeder Schubser hat geholfen"

Kind, Studium und Job - das war eine hohe Belastung für die junge Frau. Eine zu hohe Belastung. Sie schlief und aß immer weniger und begann, regelmäßig Opiate zu nehmen. Ihre Eltern, die in der Nähe wohnten, redeten ihr ins Gewissen. Aber sie war längst in der Sucht gefangen, bemerkte ihre Abhängigkeit und ihre körperlichen Veränderungen nicht. "Ich hatte zunehmend Krampfanfälle, eine Nebenwirkung der Tabletten. Ich war immer mehr abwesend, nicht mehr wirklich da." In einer Nacht im Jahr 2016 rief ihr Vater schließlich einen Krankenwagen, der sie in eine Entzugsklinik brachte. "Ich war damals so wütend auf ihn, obwohl er ja nur helfen wollte", erinnert sie sich. Heute weiß sie: "Jeder Schubser hat geholfen."

Der wohnortnahe Entzug brachte es mit sich, dass sich ihre Sucht unter den Kommilitonen schnell herumsprach. Nach sechs Wochen wurde sie aus der Klinik entlassen und warf sich im Auto direkt die ersten Tabletten wieder ein. Das Studium wurde unerträglich, sie spürte die Verachtung der anderen. Und in ihrem Job am Krankenhaus flog der Medikamenten-Diebstahl auf. Sie wurde an eine Krankenpflegeschule versetzt, wo sie keinen Zugang zu Tabletten hatte. Das freie Sprechen im Unterricht lag ihr aber nicht und sie machte eine Pause. Es folgte der zweite Entzug, diesmal aus eigenen Stücken.

Der Tiefpunkt: "Ich brachte ein süchtiges Kind zur Welt"

Sie lernte ihren heutigen Partner kennen, der zu einer großen Stütze in ihrem Leben wurde. Lena wurde schwanger und doch kam der Tiefpunkt: "Ich brachte ein süchtiges Kind zur Welt" erzählt sie und senkt den Kopf. Ihr kommen die Tränen. Das kleine Mädchen musste im Krankenhaus einen Entzug machen, Lena musste dem Jugendamt beweisen, dass ihre Kinder bei ihr gut aufgehoben sind. "Das war sehr hart, ich wurde oftmals behandelt wie eine Heroinsüchtige", sagt Lena.

Aber sie will eine gute Mutter sein, sie will ihr Leben im Griff haben und nicht der Sucht die Oberhand überlassen. 2020 machte sie den dritten Entzug, um ganz wegzukommen von den Tabletten. Seitdem ist die 37-Jährige stabil und nicht mehr rückfällig geworden.

Dazu beigetragen hat sicherlich auch die Caritas-Suchtberaterin Barbara Wolf, die sie einmal in der Woche trifft. "Diesmal will ich es schaffen. Für mich, für meinen Partner und vor allem für meine beiden Kinder", sagt Lena optimistisch. Aber sie sagt auch: "Es ist ein täglicher Kampf. Ich entscheide mich jeden Tag wieder dafür, abstinent zu bleiben." Diesmal nimmt Lena auch weitere Hilfsangebote wahr: Erziehungshilfe, psychotherapeutische Unterstützung.

"Hier in der Suchtberatung versuchen wir viele Themen aufzuarbeiten: Schuld und Scham gegenüber ihren Kindern, aber auch gegenüber ihrem sozialen Umfeld. Situationen im Leben, die Druck erzeugen", erklärt Barbara Wolf. Sie weiß, dass sie ihre Klientin für lange Zeit begleiten wird. "Häufig ist die Suchtberatung eine jahrelange Unterstützung, damit die Menschen, die zu uns kommen, ein Leben ohne Suchtmittel bewältigen."

Ohne Tabletten leben, das will Lena unbedingt. "Ich möchte einfach ich selbst sein, klar im Kopf. Ich weiß, wofür es sich lohnt, das zu schaffen." Geschafft hat sie inzwischen auch schon fast ihr Studium, "ich muss nur noch meine Bachelorarbeit schreiben", sagt sie stolz. Sie hat aus der Vergangenheit gelernt, bürdet sich nicht zu viel auf. "Ich würde gerne auch wieder arbeiten, wenigstens ein paar Stunden. Aber jetzt bin ich erstmal für meinen Sohn und meine Tochter da. Und für mich."

Hier geht es zum Zeitungsartikel:

https://www.wp.de/staedte/ennepetal-gevelsberg-schwelm/mutter-aus-ennepetal-erzaehlt-sucht-kam-mit-dem-unfall-id232466925.html


Info-Kasten:

  • Das Caritas-Suchthilfezentrum (SHZ) ist Anlaufstelle in allen Fragen zum Thema Sucht und Drogen in Schwelm, Ennepetal und Breckerfeld sowie in Hattingen und Sprockhövel. Die Suchthilfe informiert, berät, betreut und vermittelt Suchterkrankte und -gefährdete sowie deren Angehörige. Ziel ist es, verschiedene Hilfsmöglichkeiten anzubieten, damit den Betroffenen ein Leben ohne Suchtmittel beziehungsweise eine Verbesserung ihrer Lebensqualität gelingt.
  • Das Corona-Jahr stellte die Mitarbeitenden der Suchthilfe vor große Herausforderungen. Dennoch stand die schnelle und persönliche Hilfe für die Klienten im Vordergrund. 559 Menschen nutzten 2020 das Hilfsangebot des Schwelmer Suchthilfezentrums, 473 Personen waren selbst betroffen (Drogen 257, Sucht 213) und 65 kamen als Angehörige (Drogen 20, Sucht 45). Der problematische Konsum von Alkohol und Cannabis führte im vergangenen Jahr am häufigsten zur Kontaktaufnahme. Die meisten Beratungen fanden in der Altersgruppe von 31-40 Jahren statt.
  • Das Caritas-Suchthilfezentrum ist erreichbar unter: 02336 9242540 oder per E-Mail an: shz-schwelm@caritas-en.de. Mehr Infos außerdem auf der Homepage unter: www.caritas-en.de