Aus dem Verband

Nächstenliebe im Kleinen wie im Großen

Damit zieht sie sich aus dem Kontrollgremium des Verbandes zurück, um sich ganz auf ihre Aufgaben in der Pfarrei Sankt Peter und Paul in Hattingen zu konzentrieren. Ihr Abschied aus dem Caritasrat geschah in der bescheidenen Art und Weise, die ihr gesamtes Wirken in den zurück-liegenden 60 Jahren auszeichnet. 

Wir blicken zurück anhand von Fotos und Zeitungsartikeln. Ein Bild zeigt sie und ihren Mann in der Villa Hammerschmidt bei der Begrüßung durch Friedrich von Weizsäcker; ein anderes im Gespräch mit Kardinal Lehmann. In unzähligen Zeitungsausschnitten sieht man sie in der Kleiderkammer, auf Podiumsdiskussionen oder beim Kuchenverkauf. Leni Meinecke kann Caritas von ganz groß bis ganz klein. Für die Haussammlungen hat die 87-Jährige in ihrer Heimatstadt unzählige Klinken geputzt und auf der anderen Seite die Hände der geistigen und politischen Führer unseres Landes gedrückt. Sie hat diese Arbeit gern getan, für sie war es Berufung und Beruf, gleichwohl sie dafür nie ein Gehalt bekommen hat. 

Leni Meinecke wächst in den dunkelsten Jahren der deutschen Geschichte auf. Schon früh lernt sie Not und Elend kennen. Sie, die aus einem gut behüteten Haushalt in der Bahnhofstraße stammt, kümmert sich schon als Heranwachsende um ihre Mitmenschen, so bringt sie Wöchnerinnen warme Mahlzeiten, die ihre Mutter zubereitet hat.  Sie erzählt: "Meine Eltern haben mich stark geprägt, durch sie kam ich auch in die Gemeinde St. Peter und Paul. Wenn Mutter mal wieder für die Elisabethkonferenz (eine Hilfsorganisation von Frauen in der Kirche) unterwegs war, wurde ich im Pfarrhaus mitversorgt." Später ging sie in die Jugend- und Singgruppe der Gemeinde und lernte dort auch ihren Ehemann kennen. Auch als junge Mutter von zwei Söhnen zieht sie sich nicht zurück in die Häuslichkeit, wie dies damals üblich war. Von ihrer Mutter übernimmt sie die Aufgabe der Haussammlungen, also das Sammeln von Spenden an der Haustür, wobei gleichzeitig ein Kontakt zu den Gemeindemitgliedern aufgebaut wird. Und sie ist überall dort zur Stelle, wo Menschen Hilfe brauchen. In der Caritas ist sie bald nicht mehr nur für die Gemeinde St. Peter und Paul und den Verband Hattingen aktiv, sondern sie führt von 1977 bis 2000 die Caritaskonferenz des Bistums Essen als Diözesanvorsitzende an.
Voller Begeisterung erinnert sie sich an das adventliche Café in Essen in den 80-er Jahren. "Dank der Unterstützung eines Modehauses in der Innenstadt konnten 240 ehrenamtliche Helfe-rinnen und Helfer jede Woche bis zu 1000 selbst gebackene Kuchen und Torten verkaufen. So kamen pro Adventszeit um die 40.000 DM zusammen, die wir für Kinder in Not im Bistum spenden konnten." Auf ihre Initiative geht auch die Einrichtung eines Besuchsdienstes in der Psychiatrischen Klinik in Eickelborn zurück. Ehrenamtliche Mitarbeiterinnen der Caritas besuchen Patientinnen und stellen damit wichtige Kontakte und Beziehungen her, die zum Teil noch heute bestehen. Aber ihr Engagement reicht noch weiter, nach der deutschen Wiedervereinigung wird sie zur Bundesvorsitzenden der Caritaskonferenzen Deutschlands gewählt. Sie gewinnt Einblicke in die Arbeit des Verbandes in ganz Deutschland und wird so zu einer Ansprechpartnerin für die Politik in sozialen Belangen. Dabei verliert sie ihre Heimatstadt nie aus den Augen. Sie engagiert sich in der Christlich Demokratischen Union und wird Stellvertretende Bürgermeisterin. Sie erlebt die sozialen Nöte ihrer Mitmenschen nicht mehr nur an der Haustür, sondern sie hat als Ratsmitglied jetzt auch eine Stimme, die sie dagegen erheben kann. So gilt sie lange Zeit als das soziale Gewissen der Christlich Demokratischen Union in Hattingen. 

Und ihr Engagement wird belohnt, nicht nur mit Orden und Auszeichnungen, sie ist Trägerin des Verdienstkreuzes 1. Klasse, sondern was ihr noch viel wichtiger ist, mit der Dankbarkeit der Menschen. Und wieder holt sie ein Zeitdokument hervor. Den mehrseitigen Brief eines Goldhochzeitspaares, das sich für ihren Hausbesuch bedankt.
Im Hinblick auf die heutige Zeit ist Leni Meinecke traurig, dass das ehrenamtliche Engagement abnimmt: "Viele  Frauen wollen und müssen heutzutage berufstätig sein, deshalb engagieren sich weniger in der Caritas. Die Anzahl der Haussammlungen ist rückläufig, was wiederum zur Folge hat, dass der Kontakt zu den Menschen in den Gemeinden abnimmt", bedauert sie. "Die Anonymität ist auf dem Vormarsch. Begünstigt wird sie neuerdings auch durch die Datenschutzgrundverordnung, die das Versenden von Gratulationskarten fast unmöglich macht." Denn diese Tradition möchte sie als Vorsitzende der Caritaskonferenz Sankt Peter und Paul Hattingen auch nach über 60 Jahren eigentlich gerne weiterführen. 

Ihrer gewählten Nachfolgerin im Caritasrat Ennepe-Ruhr, Ingrid Rüssel, wünscht sie vor allem Gesundheit und viel Freude bei der Arbeit. Und dass diese Freude immer wieder zu ihr zurück-kommt, so wie sie es all die Jahre erlebt hat. 

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