Stabwechsel an der Spitze der freien Wohlfahrtspflege

Wir sprachen mit beiden über das vergangene Jahr und die Schwerpunkte für 2019 sprechen.

Was ist die Freie Wohlfahrtspflege und welche Rechte und Pflichten gehen damit einher?

Dominik Spanke: Die freie Wohlfahrt, also die sechs deutschlandweit tätigen Wohlfahrtsverbände Arbeiterwohlfahrt (AWO), Deutsches Rotes Kreuz (DRK), Paritätischer Wohlfahrtsverband, jüdische Kultusgemeinde, Diakonie und Caritas stehen der Verwaltung und Politik als Ansprechpartner zur Verfügung. Wir sind Sprachrohr insbesondere für die Schwächsten der Gesellschaft. Wir weisen auf Notlagen hin und bieten Lösungsvorschläge an. Hierbei werden wir durch eine Vielfalt von Mitgliedsorganisationen, die sich einem Wohlfahrtsverband angeschlossen haben, unterstützt.

Herr Winter, welche Themen haben das Jahr 2018 bestimmt?

Jochen Winter: Der Erhalt der bewährten Trägerstrukturen in der Drogen- und Suchtkrankenhilfe, die Kampagne gegen den Fachkräftemangel in der Ambulanten Pflege, die Umsetzung des Bundesteilhabe- und des Teilhabechancengesetzes und nicht zu vergessen, die landesweite Kampagne für Qualitätsstandards in Offenen Ganztagsschulen.

Herr Spanke, kürzlich haben Sie im Interview mit der WAZ Hattingen erklärt, dass Sie große Vorbehalte gegen die zunehmende Tendenz zur Ausschreibung sozialer Dienstleistungen haben. Warum wehren Sie sich so gegen Ausschreibungen?

Dominik Spanke: Man kann die Wohlfahrtsverbände mit Recht Anbieter sozialer Dienstleistungen nennen. Wie jede Firma versuchen auch die Mitglieder der Wohlfahrtspflege, die eigene Arbeit möglichst effektiv zu gestalten. Wir achten daher immer auf die Kosten und scheuen nicht den Vergleich mit anderen Trägern. Es gibt jedoch im Sozialwesen grundlegende Unterschiede zu anderen Wirtschaftsbereichen: Erstens gibt es in einigen Bereichen ein Wahlrecht der Betroffenen. So wie jeder seinen Arzt auswählen kann, haben zum Beispiel Eltern bei der Auswahl der Angebote ein Wahlrecht. Dies würde durch eine öffentliche Ausschreibung und Zuweisung unterlaufen. Zweitens, in der Beratungsarbeit ist es wesentlich schwieriger, die Qualität zu messen und zu vergleichen. Unser Erfolg beruht auf der langjährigen Erfahrung und speziellen Fortbildung der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter und der gewachsenen Vernetzung in der Region. Bei einer Ausschreibung jedoch wäre der Preis das zentrale Entscheidungskriterium, denn ein Qualitätsvergleich mit dem Angebot eines anderen Anbieters, der bisher nicht vor Ort oder nicht auf dem Gebiet tätig ist, wäre kaum möglich. Ohne eine Vergleichbarkeit der Qualität aber verliert eine Ausschreibung ihren Sinn. Als dritten und letzten Punkt muss ich auf die Tariftreue der Wohlfahrtspflege hinweisen.

Jochen Winter: Wir halten uns an die abgeschlossenen Tarifverträge. Und das ist auch gut so! Wenn das neue Teilhabechancengesetz tarifgebundenen Arbeitgebern zusichert, den Tariflohn zu finanzieren, dann zahlen wir auch zwölf Monatsgehälter plus Sonderzahlungen, wie Weihnachts- und Urlaubsgeld und wir zahlen zudem in die Zusatzversorgung ein, damit unsere Mitarbeiter/innen im Alter mit der Rente hinkommen. Wenn Sonderzahlungen und Zusatzversorgung dann nicht refinanziert werden, obwohl dies tarifiert ist, bleiben wir auf erheblichen Mehrkosten sitzen.

Welche weiteren Schwerpunkte möchten Sie setzen?

Dominik Spanke: Im Jahr 2019 werden wir uns weiter mit der Umsetzung des Bundesteilhabegesetzes beschäftigen. Für Menschen mit Behinderungen und auch für die Einrichtungen bieten sich Chancen, es gibt jedoch auch Risiken. Des Weiteren sind das Thema Langzeitarbeitslosigkeit und dritter Arbeitsmarkt immer noch eine Herausforderung. Ein Thema das mir besonders am Herzen liegt, ist die Jugendhilfe. Hier hoffe ich mit den Jugendämtern unserer Städte über ein gemeinsames Verständnis von Qualität sprechen zu können. Und als größte Trägergruppe von Kindertageseinrichtungen will die Freie Wohlfahrtspflege natürlich auch bei der Reform des Kinderbildungsgesetzes (KiBiz) mit gestalten.

Vielen Dank für das Gespräch



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